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Shopware und die Herausforderungen für eine erfolgreiche Zukunft
Ein Interview mit Dietmar Hölscher 

 

Nichts ist spannender als einen Blick in die Zukunft zu werfen beziehungsweise über zukünftige Entwicklungen zu spekulieren. Bereits Anfang des Jahres haben wir uns mit Dietmar Hölscher, Shopware- und E-Commerce-Experte, über die Herausforderungen unterhalten, denen Shopware in den nächsten Jahren gegenüberstehen wird. Die Frage, wie es in Zukunft weitergeht und welche neuen Entwicklungen Agenturen und Shopbetreiber in den nächsten Jahren erwarten, spielte auch auf dem diesjährigen Community Day eine zentrale Rolle. Daher haben wir unsere Fragen in einem Interview mit Dietmar noch einmal aufgegriffen und vor dem Hintergrund der auf dem SCD präsentierten Zukunftspläne neu betrachtet. Dabei wurden auch Chancen und Risiken angesprochen, die sich für Shopware aus den Stärken und Schwächen der Konkurrenz ergeben.

 

ShopDNS: Anfang des Jahres ist der Rückblick auf 2016 in Deinem Blog noch eher ernüchternd ausgefallen. Wie Du schreibst, konnte im vergangenen Jahr kein Anbieter von Shopsoftware so richtig punkten. Wie beurteilst Du das Jahr 2017 nun nach der Halbzeit – was muss Shopware unternehmen, um 2017 zum Shopware-Jahr zu machen?

Die zweite Hälfte des Jahres fing mit dem SCD ja schon sehr gut an. Die Ideen die vorgestellt wurden für die Zukunft kann ich dabei nur sehr unterstützen. Der Weg den Shopware hier einschlägt ist der Richtige. Einzig bleibt zu hoffen, dass der Übergang zwischen dem alten und neuen Shopware auf mindestens 3 Jahre ausgelegt wird. Dann stehen alle Weichen in die richtige Richtung für Shopware.

ShopDNS: Welche Neuerungen bzw. welche wichtigen Funktionen muss Shopware Deiner Meinung nach einführen, um in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben?

Die API ist muss sauberer werden, das Doctrine Modell muss sich sauber durch den gesamten Kernel ziehen und die Refaktuierung des Warenkorbes muss endlich abgeschlossen werden.

„Ich glaube Shopware tut gut daran sich nicht an den Mitbewerbern zu orientieren, sondern weiterhin den Markt zu beherrschen, weil sie ohnehin zur Zeit eher die Vorreiter sind.“

ShopDNS: Der Benutzer stand getreu dem Motto „Hello Human“ ja ganz im Zentrum des Community Days. Wie wichtig wird individuelle User-Experience in Zukunft und was macht Shopware zur Zeit in diesem Bereich? Was kann Shopware in Zukunft noch besser machen, um bei diesem Thema vorne mit dabei zu sein?

Hier wurde auf dem SCD ja schon so einiges vorgestellt. Ich glaube, dass der Ansatz im Grunde richtig ist. Womit Shopware allerdings ein wenig über das Ziel hinaus schießt, ist das dynamische Backend. Ein Backend zu konfigurieren ist gut und wenn es sich dynamisch verändert mag das einerseits für mehr Übersichtlichkeit sorgen. Andererseits treten so der Gewohnheits- und Kerneffekt später oder auch gar nicht ein.

ShopDNS: Was sind Deiner Meinung nach die drei größten Herausforderungen, denen Shopware gerade gegenübersteht?

Shopware ist im Kernel an der Altersgrenze und muss den Ballast loswerden. Shopware NEXT ist dazu ein guter Ansatz, man darf aber die alten Kunden nicht aus den Augen verlieren. Eine Migration für Plugins wird sicherlich schwierig bis unmöglich sein. Hier braucht der Markt Ruhe. Schon jetzt gibt es zwei verschiedene Systeme für Plugins. Eines wurde erst vor einem Jahr vorgestellt. Hier muss Shopware aufpassen, sich nicht zu verzetteln. Da gehört Ruhe und Mut dazu. Aber ich glaube die schaffen das schon.

ShopDNS: Shopware war bisher vorrangig im deutschsprachigen Raum vertreten, wendet sich jetzt aber auch verstärkt internationalen Märkten zu, z.B. in Großbritannien oder den Benelux-Ländern und Italien.
Wie bewertest Du diesen Schritt? Als eine konsequente, notwendige Handlung oder siehst Du das eher mit Risiken behaftet?

Ich fand diesen Schritt notwendig und konsequent. Ich war selbst auf der ersten Messe in GB für Shopware als Vertreter dabei. Es heißt oft, der britische Markt mache die Vorgaben auch für den Rest Europas. Das sehe ich allerdings nicht so. Der englische Markt ist völlig zersiedelt und ganz anders als in anderen europäischen Ländern. Es gab Gerüchte, dass die Lizenzpreise im Enterprise Bereich angehoben worden sind, weil Shopware für den englischen Bereich zu günstig sei. Ich glaube daher, dass Shopware hier auf der einen Seite die richtigen und notwendigen Schritte macht, auf der anderen Seite aber hier mehr Beratung und Zusammenarbeit mit international erfahreneren Partnern braucht.
Italien und Benelux sind eher kleine Märkte für den eCommerce. Es ist gut dort vertreten zu sein, aber Länder im ehemaligen Ostblock haben gerade ein größeres Wachstum. Eine Ausweitung in diese Länder halte ich für den Gewinn an Marktanteilen für unumgänglich.

ShopDNS: Wer sind die größten Konkurrenten von Shopware auf anderen europäischen Märkten?

In Europa gibt es hier kein homogenes Bild, in GB hat Shopware zum Beispiel viele verschiedene Konkurrenten. Ich glaube, dass sich in Ländern außerhalb von Deutschland der Markt schneller von Systemen wie Presta, Shopify, Wix.com und Co. besetzten lässt. Die großen Strukturen mit Anbindungen rund um das Shopsystem werden dort häufig viel lockerer gesehen. Daneben ist Magento mit der Version 2.0 sicherlich der wiedererstarkte größte Mitbewerber.

„Die Zukunft wird nicht unbedingt davon abhängen, wie gut ich mein Lager und den Versandprozess in den Shop einbinde. Vielmehr wird es darum gehen, die Produktion direkt aus dem Shop heraus zu steuern.“

ShopDNS: Auch auf dem deutschen Markt hat Shopware zahlreiche Konkurrenten. Neben den eben schon genannten Magento gibt es da ja auch noch OXID, WooCommerce oder xt:Commerce, um nur mal einige Beispiele zu nennen.
Wo hat Shopware seine großen Stärken im Vergleich zu seinen Konkurrenten?

Die hier genannten Systeme sind so unterschiedlich, da müsste ich auf Jeden einzeln eingehen. Ich versuche mich mal auf die Beispiele zu beschränken und es sehr kurz zusammenzufassen. xtCommerce ist überaltert und stellt keinerlei Konkurrenz dar, vor allem ist xT besonders unsicher. WooCommerce hat eine ganz andere Zielgruppe. OXID ist nicht so stark im Frontend und Magento hat mit seinem Codebreak in Deutschland die Marktführerschaft an Shopware verloren. Hier kann Shopware durch die wesentlich höhere Anzahl an Plugins punkten.

ShopDNS: Welche Gefahren und Risiken entstehen durch die Stärken der anderen Hersteller?

Ich glaube Shopware tut gut daran sich nicht an den Mitbewerbern zu orientieren, sondern weiterhin den Markt zu beherrschen, weil sie ohnehin zur Zeit eher die Vorreiter sind. Shopware bewegt sich aktuell verstärkt im Enterprise- und B2B-Bereich. Dies könnte ein strategisch wichtiger Bereich werden in den nächsten Jahren.

Interview mit Dietmar Hölscher

Auf seinem Blog berichtet Dietmar Hölscher regelmäßig über die aktuellen Veranstaltungen der E-Commerce Branche, wichtige Entwicklungen und Neuigkeiten der Shopsystemhersteller und bewertet aktuelle Trends (Quelle Screenshot my cognitive commerce blog).

ShopDNS: Auf welchem Gebiet und in welchem Preissegment siehst Du für Shopware das größte Erfolgspotenzial?

Ich sehe Shopware hier im kleinen B2B Umfeld und vor allem bei Markenshops. Ich glaube, dass die neue 3D-Anwendung sicherlich hilft, sich international besser durchzusetzen. Ansonsten ist Shopware für den Mittelstand die erste Wahl. Wie es mit Shopware NEXT aussieht, bleibt abzuwarten. Dann kann sich das Spiel komplett drehen und das traue ich Shopware durchaus zu.

ShopDNS: Wie schätzt Du allgemein das Wachstum und die Entwicklungen des Marktes für Shopsoftware ein? Was wird sich in den nächsten Jahren im Vergleich zu jetzt verändern?

Ich glaube, dass die B2B- und B2C-Märkte stark wachsen werden. Das heißt also Direktvertrieb durch Hersteller. Wer nur Handel betreibt, wird seinen Shop nicht langfristig halten können. Daher wird es hier einen starken Shift geben. Zudem wird die Zukunft nicht unbedingt davon abhängen, wie gut ich mein Lager und den Versandprozess in den Shop einbinde. Vielmehr wird es in Zukunft darum gehen, die Produktion direkt aus dem Shop heraus zu steuern. Es wird notwendig werden, individuell und in Echtzeit zu produzieren. Hier werden uns die Asiaten in den kommenden zehn Jahren völlig abhängen.

ShopDNS: Kannst Du uns dazu ein Beispiel geben?

Ja, ich nenne mal zwei Beispiele aus meinem Alltag, die verdeutlichen wie sich der Markt gerade verändert.
Ich habe meiner Tochter vor ein paar Wochen für 3,50 EUR inkl. Versandkosten einen speiellen Radiergummi bei Amazon bestellt. Der kam nach nur zehn Tagen bei uns an. Hergestellt und versendet direkt aus China. In nur zwei bis drei Jahren wird die Versandzeit sich halbieren. Das zeigt, dass auch Pfennigprodukte aus Asien schon heute den Markt beherrschen können.
Das zweite Beispiel zeigt eine noch extremere Gefahr. Über Alibaba habe ich eine hochwertige individuelle Handyhülle mit dem Logo meines eCommerce Blogs für 24,95 EUR bestellt. Bei CeWe, dem Marktführer in Europa, kostet sie das selbe und hat schon heute eine Lieferzeit die zwei Tage länger andauert als die von meinem asiatischen Händler.
Hier müssen die auch die Hersteller von Shopsystemen am Ball bleiben. Aber gerade bei Shopware mache ich mir da keine Gedanken. Ich weiß, dass Stefan Hamann schon vor Jahren mit 3D-Druckern hantiert hat 😉


Dietmar Hölscher ist ein E-Commerce Profi der ersten Stunde und entwickelte bereits 1995 seinen ersten Onlineshop. Während seiner Tätigkeit bei Shopware war er maßgeblich an der Entwicklung innovativer Ideen beteiligt, die Shopware heute auszeichnen. In seinen Positionen als technischer Direktor und Berater beim E-Commerce Full-Service Dienstleister Bluetrade hat Dietmar die aktuelle Lage der gesamten Branche im Bick und berichtet auf seinem Blog my cognitive commerce blog zudem über Veranstaltungen und die neuesten Entwicklungen bei den Herstellern von Shopsystemen, Marktplätzen und Agilität.  

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